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Weltfrauentag – „Ist das nicht eine Nummer zu groß für Sie?“

Gedanken zum Weltfrauentag, von Marcella Hansch

everwave CEO Marcella Hansch

Marcella Hansch musste viele Hürden auf dem Weg zur Gründerin überwinden – auch weil sie eine Frau ist. Zum Weltfrauentag 2021 erzählt sie, was passieren muss, damit sich die Chancen angleichen.

Du betrittst einen Saal voller Menschen, die Dir Applaus schenken, weil Du in wenigen Sekunden einen Preis entgegen nimmst. Du stehst auf dem Podium und wirfst einen kurzen Blick in die Menge, bevor Du etwas sagen wirst. In dieser Sekunde wird Dir klar, dass Dein Talent oder Deine Idee vielleicht gar nicht ausschlaggebend war, warum ausgerechnet Du zur Gewinnerin gekürt wurdest. Da stehst Du nun – und alle erwarten Dein Dankeschön.

Dieser Beitrag sollte gar nicht notwendig sein. Doch heute ist Weltfrauentag. Und als Frau, die häufig im Rampenlicht steht, weiß ich nur allzu gut, wie ungleich Frauen und Männer immer noch in der Gesellschaft dastehen. Als Gründerin von everwave leite ich ein florierendes Start-Up. Manch einer fragt jetzt: Wo liegt das Problem, Frau Hansch?

Wo ist das Problem?

Die Antwort liegt sechs Jahre zurück. Pacific Garbage Screening geschweige denn everwave gab es damals noch nicht. Ich war mit meiner Idee fast allein. Häufig wurde ich gefragt, ob ich sicher wäre, das alles zu schaffen. Ob das nicht eine Nummer zu groß für so ein junges Mädchen wäre.

Anfangs hat mich das runtergezogen. Ich habe an mir gezweifelt und mich tatsächlich gefragt: Schaffe ich das? Zum Glück hatte ich schon immer so einen Dickkopf. In einer Welt, in der junge Frauen nur selten zu den großen Visionären gehören, hilft er mir unheimlich. Nach den Selbstzweifeln kam die Motivation. Jetzt erst recht!

Shooting mit Marcella Hansch

Heute arbeiten in unserem Team bei everwave Männer wie Frauen. Gleichberechtigung muss keine Utopie sein. Durchdrungen hat das die Gesellschaft leider noch nicht. Auf Preisverleihungen bin ich häufig die einzige Frau – Quotenfrau, sozusagen. Damit mich niemand falsch versteht: Ich freue mich über jede Auszeichnung. Doch allzu oft habe ich das Gefühl, nicht für meine Idee, sondern mein Geschlecht ausgezeichnet zu werden.

„Es muss eben auch eine Frau dabei sein“

Es gibt sogar Preise, die ausschließlich Frauen auszeichnen. Die beste weibliche Hauptrolle, sozusagen. Als ob es mit dem Geschlecht zu tun hätte, wenn jemand eine großartige Idee hat. Es ist zwar schön, dass so hervorgehoben wird, wie viele Frauen da draußen die Welt verbessern. Dem Ziel, so etwas vom Geschlecht unabhängiger zu machen, kommen wir so aber nicht wirklich näher. Das ist schade.

Wie bei so vielen Dingen – wir merken das bei everwave auch mit all dem Plastik in der Umwelt – kommen wir einer langfristigen Lösung nur näher, wenn wir das Problem bei der Wurzel packen. Und das heißt, bei der Erziehung unserer Kinder anzufangen. Viel zu häufig wachsen Mädchen und Jungs subtil mit unterschiedlichen Rollenbildern auf.

Einmal Weltfrauentag im Jahr reicht nicht

Im Gegensatz zu Jungs, beeinflusst dieser Umstand das Selbstvertrauen von Mädchen natürlich erheblich. Später bildet sich das in der Berufswahl, in der Politik, in der Sprache ab. Jungs blau, Mädchen rosa? Global ist es sogar noch dramatischer um die Chancengleichheit bestellt. Einmal Weltfrauentag im Jahr reicht nicht. In 18 Ländern können Ehemänner Frauen daran hindern, einer Arbeit nachzugehen.

Frauen haben nicht einmal ein Viertel der Parlamentssitze inne. Mehr als 750 Millionen Frauen sind verheiratet, bevor sie volljährig sind. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Bis 2030 möchten die Vereinten Nationen (UN) das mit den Sustainable Development Goals (SDGs), denen wir uns bei everwave auch verschrieben haben, weitgehend ändern.

Wo wir jetzt gemeinsam stehen, als Team, darauf bin ich stolz. Weil ich weiß, dass ich mich entgegen vieler Hürden durchgesetzt habe. Ich habe meine Vision mit Anderen teilen und vorantreiben können und habe niemals aufgegeben. Nicht weil ich eine Frau bin, sondern weil ich weiß, dass es funktionieren kann und weil ich voll ganz und ganz hinter meinen Plänen stehe. Kein leichter Weg, aber ein notwendiger.

Die Lösung – in Deutschland wie im Rest der Welt – kann nur ein Bewusstseinswandel sein. Nicht blau, nicht rosa. Lasst uns alle Teil dieses Wandels sein!