Plastik fügt der Umwelt Schaden
zu – in vielerlei hinsicht

Schon in den 70er Jahren wurde Mikroplastik als bekannter Schadstoff durch mehrere Studien nachgewiesen. Damals wurden große Mengen synthetischer Fasern und Kunststofffragmente im Nordatlantik gefunden. Umso erstaunlicher ist es, dass bis heute nicht immer klar ist, woher diese Partikel überhaupt kommen. Lange Zeit dachten Forscher:innen, es handele sich um Fragmente größerer Plastikgegenstände, die auf See abgebrochen waren. Die Realität ist jedoch komplexer und die Auswirkungen von Plastikmüll auf die Umwelt wohl deutlich stärker als damals angenommen.

Flüsse – Globale Müll Highways

Jüngere Forschungsergebnisse zeigen, dass Flüsse der Haupttransportweg für sämtliche Verschmutzungen in unseren Meeren sind. In vielen europäischen Flüssen wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass sie mit Mikroplastik kontaminiert sind.

Im Delta des Ebro, einem der größten Flüsse der Iberischen Halbinsel, ergab eine Studie, dass der Fluss jedes Jahr 2,2 Milliarden Mikroplastikstücke ins Mittelmeer pumpe – und das ist europäischer Durchschnitt! Es gibt auch extremere Fälle in der Nähe dicht besiedelter Gebiete, wie dem Pearl River Delta in der Nähe von Guangzhou in China. Dort berichteten Forscher:innen über Konzentrationen zwischen 379 und 7.924 Stück pro Kubikmeter Oberflächenwasser. Zum Vergleich: In der französischen Seine wurden vor sechs Jahren 3 bis 108 Partikel pro Kubikmeter gemeldet.

Die Gefahr liegt im Unwissen

Was bei vielen Studien erstaunt: Hauptflüsse, wie z.B. Rhein oder Donau, sind oft weniger mit Mikroplastik belastet, als ihre kleineren Nebenflüsse. Entgegen der Erwartungen blieb die Konzentration im Flussverlauf außerdem etwa gleich – selbst in Ballungsräumen und Industriegebieten.

Viele Forscher gehen davon aus, dass der Anteil an Plastikpartikeln in den Ozeanen viel höher sein muss als von ersten Studien angenommen. Hier sprechen wir nicht von kleinen Unterschieden. Aufgrund von unterschiedlichen Messmethoden vermuten einige Studien, dass es bis zu 1 Millionen mal mehr Mikroplastik in Meeren gibt, als bislang hochgerechnet.

Jüngste Studien deuten an, dass der Abrieb von Autoreifen wohl den größten Anteil an Mikroplastik ausmacht, der sich über verschiedene Wege seinen Weg in die Flüsse sucht. Ein weiterer großer Teil könnte auf Textilrückstände zurückzuführen sein, die sich beim Waschvorgang von Textilien lösen und über Kläranlagen in die Gewässer gelangen. Außerdem können neben Textilien die Fasern aber auch aus Baustoffen, Seilen oder Obstnetzen stammen. Plastikkügelchen, auch Beads genannt, stammen dagegen häufig direkt aus Kosmetika-Rückständen oder Baustoffen.

Eines scheint sich immer mehr abzuzeichnen: Die Sedimente von Flüssen tragen deutlich mehr zur Mikroplastik-Konzentration in den Meeren bei, als bisher bekannt war. Und hier setzen wir an.

Meere und Küsten: Unsere Hauptpatienten

Sprechen wir von Müll im Meer, dann meinen wir damit so ziemlich alle langlebigen, gefertigten oder verarbeiteten beständigen Materialien, die durch den Menschen in die Meeresumwelt geleitet werden. Einschließlich der Transportwege über Flüsse, Kanäle, Wind und Luft. Dabei spielt neben Gummi, Metall, Glas, Holz oder Papier kein Material eine so eklatante Rolle, wie Kunststoffe – mit einem Anteil von über 75%.

Symptomatisch für unsere heutige Wegwerfgesellschaft lassen sich Kunststoffe leicht und schnell industriell produzieren, verarbeiten und werden oft billig oder gar kostenlos abgegeben. 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Müll pro Jahr finden ihren Weg in unsere Ozeane. Umgerechnet: Eine Lastwagenladung pro Minute!

Wie kann das sein?

  • unzureichendes Abfallmanagement, z.B. im südostasiatischen Raum sowie in Schwellen- und Entwicklungsländern
  • geringe Verwertungsquoten insbesondere in Ländern ohne Deponierungsverbot (auch in vielen europäischen Mitgliedsstaaten)
  • hohe Produktionsraten & intensiver Plastikkonsum
  • fehlende Produzentenverantwortung in verschiedenen Ländern
  • fehlende Umweltbildung, mangelndes Bewusstsein für Folgen von achtloser Abfallentsorgung
  • kurzer Lebenszyklus vieler Produkte & Langlebigkeit von Kunststoffmaterial

Unsichtbare Müllberge

Es kann Jahrhunderte dauern, bis das Kunststoffmaterial durch physikalische, chemische und biologische Prozesse in den Meeren zerkleinert wird. Zudem sorgen Wind, Wellen und Strömungen dafür, dass Müll über weite Wege transportiert und verbreitet werden kann. Rund 30% dieses Mülls treibt an der Wasseroberfläche oder wird an Küsten gespült. Das heißt bis zu 70 % befinden sich „im Wasser“ oder auf dem Meeresboden.

Neben Asiens Küsten und dem Mittelmeer (auch „Plastic Soup“ genannt) gibt es weltweit fünf weitere Zonen, in denen sich der Großteil des meist schon zerriebenen Kunststoffmülls in Müllstrudeln sammelt. Zwei im Pazifik, zwei im Atlantik und einer im Indischen Ozean. Der bislang größte bekannte Plastik-Müllstrudel ist der „Great Pacific Garbage Patch“ (GPGP), welcher in etwa 4,5mal so groß wie Deutschland ist.

Einen Großteil des Plastiks in unseren Ozeanen sehen wir gar nicht, die Dunkelziffer ist höher als uns aktuelle Daten zeigen

Artenvielfalt ist bedroht

Ein großer Teil des Mülls in unseren Meeren lässt sich auf verlorengegangene oder dort belassene Fischereigeräte zurückführen. Innerhalb der Müllstrudel sogar bis zu 50%. Sie stellen über Jahrzehnte hinweg eine tödliche Gefahr dar, für Meeressäuger, Seevögel und Fische. Zwischen 57.000 und 135.000 Wale, Robben und Seehunde verenden darin jährlich. Oft sinken Netze auf den Meeresgrund und werden dort aufgerichtet zu einer lebensbedrohliche Falle.

Verpackungsmaterialien und ring- oder schnurartige Müllteile sowie Leinen und Taue bergen ein hohes Gefährdungspotential für die Lebewesen unserer Meere. Hier sprechen wir vor allem von Verschluckung oder Verstrickung. Weltweit 817 verschiedene marine Arten werden vom Müll in irgendeiner Form negativ beeinträchtigt. Etwa 17 % dieser Arten stehen auf der Roten Liste der ICUN oder sind bereits als bedroht oder gefährdet eingestuft.

Ein bedrohlicher Einfluss

Meist sind es Bilder von strangulierten Meerestieren, die die Öffentlichkeit emotionalisieren. Doch auch das Nahrungsnetz vieler Tiere wird massiv gestört. Schildkröten verwechseln Plastik mit Quallen, Fische verwechseln es mit Krill, Seevögel mit kleinen Fischen und Wale nehmen Tonnen an Mikroplastik als „falsches Plankton“ auf.

Das hat traurige Folgen: Ersticken, Ertrinken, Verletzungen der Haut, des Gewebes und der Muskeln, Einfluss auf das Nervensystem, wie z.B. eingeschränkte Fähigkeit zur Flucht vor Fressfeinden und/oder Futtersuche. Unter anderem verhungern Tiere infolge eines ständigen Sättigungsgefühls mit „vollem“ Magen. Aber auch geringe Körperfetteinlagerung sowie Verletzungen, Verstopfungen und Entzündungen des Magen-Darm-Traktes zählen zu den Auswirkungen.

everwave

Fazit

Kein Material wird auch nur annähernd so stark frequentiert in unsere Umwelt geleitet, wie Kunststoffe. Am meisten betroffen sind davon unsere Ozeane und ihre Küsten. Doch den Haupttransportweg bilden unsere Flüsse. Besonders problematisch ist, dass viele Kunststoffe Jahrzehnte lang im Wasser „überleben“ und die Lebensräume tausender Lebewesen im und am Wasser bedrohen.