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„Eine Kreislaufwirtschaft macht unsere Gesellschaft glücklicher“

Unsere Wirtschaft hängt von endlichen Ressourcen ab. Wissenschaftler sind sich deshalb einig, dass nur eine Kreislaufwirtschaft langfristig funktioniert. Wir haben mit dem irischen Professor und MIX-UP-Forscher Kevin O'Connor über die Probleme, Lösungen und Vorteile des neuen Ansatzes gesprochen.

  • Lieber Kevin O’Connor, als Professor haben Sie es fast täglich mit jungen, wissbegierigen Menschen zu tun – Generationen, die über die Auswirkungen unseres sorglosen Umgangs mit Ressourcen Bescheid wissen. Dennoch haben nur sehr wenige von ihnen jemals von dem Begriff „Kreislaufwirtschaft“ gehört. Warum?

O’Connor: Es stimmt, viele Menschen wissen nicht, was eine Kreislaufwirtschaft ist, selbst wenn sie über Lebensmittelverschwendung, Recycling und übermäßige Plastikverpackungen Bescheid wissen. Es ist immer noch ein Begriff, der in Fachkreisen wichtiger ist.

Ich denke, das Prinzip der Kreislaufwirtschaft ist uralt – und die Zukunft. Jetzt ist es an der Zeit, diese natürlichen Prinzipien wiederzuentdecken und  weiterzuentwickeln.

  • Lassen Sie uns den Begriff einmal unter die Lupe nehmen. Worum geht’s bei der Kreislaufwirtschaft?

O’Connor: Zuerst einmal sollte man wissen: Es geht dabei nicht nur um Recycling. Sondern vielmehr um Ressourceneffizienz und die intelligente Nutzung unserer Ressourcen. Intelligent heißt dabei, ein Produkt mit einer möglichst geringen Menge an Stoffen und Materialien zu entwerfen und gleichzeitig solche, die lange halten, wiederverwendet, repariert und in ihre Einzelteile zerlegt werden können. Nehmen wir das simple Beispiel einer Zahnbürste: Während der Griff 20 Jahre hält, verschleißt der Kopf der Zahnbürste nach wenigen Monaten. Aber dann wirft man die ganze Zahnbürste weg. Im Moment haben wir eine „Take it, make it and dump it„-Mentalität. In einer Kreislaufwirtschaft hingegen können wir weiterhin nehmen und nutzen – aber wir sollten in der Lage sein, wiederzuverwenden. Und das möglichst sparsam. Das gilt für alle Sektoren; jeder trägt Verantwortung. Wenn Sie ein Auto herstellen und Nebenprodukte im Werk haben, sollten Sie als Autohersteller versuchen, diese im Werk wiederzuverwenden. Wir brauchen kurze, geschlossene Kreislaufwirtschaften innerhalb einer Fabrik, innerhalb einer Gemeinschaft, sogar eines Haushalts.

  • Abfall bekommt also plötzlich seinen eigenen Wert?

O’Connor: Exakt! Das alte Produkt ist die Ressource für ein neues Produkt. Und deshalb muss schon das erste Produkt „intelligent“ designt sein.

  • Oft heißt es, die Wiederverwendung von Ressourcen sei durchaus etwas Natürliches. Dabei lautet das ökonomische Paradigma seit Jahrhunderten: „besser, größer, schneller – und dann wegwerfen“. Wie passt das zusammen?

O’Connor: Tatsächlich geht das Prinzip auf die Anfänge unserer Zivilisation zurück. Schauen wir uns Gesellschaften, die wir häufig als „arm“ bezeichnen: Sie neigen dazu, Ressourcen viel nachhaltiger zu nutzen, weil sie schlicht keine andere Möglichkeit haben. Ich erinnere mich daran, wie ich eine Fernsehsendung über indigene Völker gesehen habe, die in der Nähe der Arktis leben.  Fangen sie eine Robbe, verwenden sie nicht nur das Fleisch, sondern auch Knochen und Zähne für Werkzeuge, Organe für Lebensmittel, die Haut für Stoffe und die Fette als Lichtquelle (Öllampen). Ressourcenmanagement ist ein altbewährtes Prinzip. Immerhin – in einigen Bereichen unserer modernen Gesellschaft wird es noch immer genutzt: Landwirte nutzen tierische Abfälle als Dünger. Zwar wissen wir, dass Gülle auch zu Treibhausgasemissionen führt, aber moderne Streuungstechniken können diesen Prozess effizienter gestalten. Ich denke, das Prinzip der Kreislaufwirtschaft ist uralt – und die Zukunft. Jetzt ist es an der Zeit, diese natürlichen Prinzipien wiederzuentdecken und   weiterzuentwickeln.

  • Aber wie? Nachhaltigkeit mag heutzutage kein neuer Begriff sein – Kreislaufwirtschaft schon.

O’Connor: Bildung, Bildung, Bildung – und zwar bei Kindern. Man kann viel Geld für die Kampagnen ausgeben, die sich an Erwachsene richten, aber letztlich fallen diese häufig in ihre alten Muster zurück. Kinder hingegen können neue Prinzipien leicht in ihr Leben und ihre Denkweise integrieren. Obwohl dieser Ansatz eine Art langfristige Kampagne ist, denke ich, dass kurzfristige Auswirkungen auch über soziale Medien erzielt werden können, weil junge Menschen auch darauf reagieren. Und wir brauchen „Champions“ – das sieht man an der Klimaschutzbewegung etwa mit Greta Thunberg.

  • Nun, Schüler und Studenten können ein Wirtschaftssystem wohl kaum von Grund auf verändern.

O’Connor: Nicht direkt. Aber sie können Veränderungen bei denen vorantreiben, die mehr Einfluss haben und sie als die Verbraucher der Zukunft sehen. Ich sehe die Verhaltensänderung großer Marken, die mit der Stimme junger Leute wie Greta Thunberg werben.  Diejenigen, die klug sind, hören ihr zu. Jene, die Angst haben, versuchen sie zu bekämpfen. Das gute daran: Eine wütende Reaktion auf die Wahrheit in vielerlei Hinsicht ist eine größere Bestätigung Ihrer Ideen als ein sanftes zustimmendes Nicken. Ja, wir brauchen Regelungen der Regierung, aber wir brauchen auch die Verhaltensänderungen eines jeden einzelnen von uns.

  • Glauben Sie, dass Politik und Infrastruktur bereit sind, einen derart radikalen Wandel einzuleiten?

O’Connor: Die Europäische Kommission setzt sich sehr stark für diese Änderung ein. Ein Grund: Südostasien ist für unseren Plastikmüll nun dicht. Ist die Infrastruktur bereit? Wohl kaum. Vielleicht für eine gewisse Steigerung des Recyclings, aber nicht bereit für neue Materialien wie  biobasierte und biologisch abbaubare Kunststoffe. Jedenfalls nicht in dem Umfang, den wir brauchen. Ich denke, Regierungen auf der ganzen Welt müssen erkennen, dass Sie, um die Aktivität in der Kreislaufwirtschaft zu steigern, Geld ausgeben müssen, sie investieren und zusammenarbeiten müssen. Mit den richtigen Investitionen kann es funktionieren.

  • Und was ist mit den Menschen – mit Ihnen und mich? Sind wir bereit? Sie sagten ja, dass nachhaltiger Wandel bei uns beginnt.

O’Connor: Einige Bürger sind sehr gut informiert und bereit, den Wandel mitzugestlaten. Aber es gibt auch die Leute, die sagen: Mir ist das egal. Es ist nicht mein Problem, sondern das der Regierungen. Sanktionen mögen wie die Lösung aussehen, gehen aber allzu oft in die falsche Richtung.  Die Menschen müssen sich an eine Idee beteiligen, Anreize haben. Das meine ich mit Investitionen. Investieren Sie in verhaltensveränderndes Verhalten. Machen Sie es einfacher für Menschen, den Wandel mitzugestalten. Die Leute müssen einen Vorteil darin sehen.

Die Kreislaufwirtschaft vermittelt uns ein Gefühl der Zugehörigkeit, das Gefühl, ein bedeutsamer Teil einer Gemeinschaft zu sein.

  • Leider sind die nicht immer offensichtlich.

O’Connor: Auf den ersten Blick vielleicht nicht – dann aber schon. Kreislaufwirtschaft heißt auch: kurze Lieferketten, lokale Ressourcen und Investition in lokale Arbeitsplätze. Und das bedeutet neue Beschäftigungsmöglichkeiten, neue Möglichkeiten für Unternehmer. Die Vorteile sind also häufig viel subtiler: Sie schärft das Bewusstsein für die eigenen Umgebung; ein Gefühl des Wohlbefindens. Im Grunde ist es ganz einfach: Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass sie einen positiven Einfluss auf ihre Umwelt haben können, fühlt es sich auch gut an, die lokale Kreislaufwirtschaft zu unterstützen.

  • Eine Kreislaufwirtschaft macht uns also glücklicher? Wenn das nicht mal eines der größten Anreize ist.

O’Connor: Ja, letztlich vermittelt uns die Kreislaufwirtschaft ein Gefühl der Zugehörigkeit, das Gefühl, ein bedeutsamer Teil einer Gemeinschaft zu sein – und das ist zweifelfrei eines der wichtigsten Dinge für uns Menschen.

Die Ellen-MacArthur-Foundation erklärt, was unsere Gesellschaft mit der Kreislaufwirtschaft zutun hat

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  • Dabei geht’s dann aber auch schnell um die Frage der Verantwortung. Wessen Verantwortung ist für einen erfolgreichen Wandel am wichtigsten – die des Einzelnen, des Politikers oder der Industrie?

O’Connor: Das lässt sich nicht so klar voneinander abgrenzen. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn ich in einen Supermarkt gehe und Äpfel kaufen möchte, keine Plastikverpackungen haben, muss ich eine Wahl haben. Wenn plastikfreie Äpfel nicht angeboten werden, können Sie nicht zu den Leuten gehen und sagen: Es liegt in Ihrer Verantwortung. Der Hersteller muss sicherstellen, dass er den Bürgern Verpackungen oder Materialien zur Verfügung stellt, die recycelt werden können und den Verbrauch von Neuprodukten reduzieren. Ebenso muss der Einzelne dafür verantwortlich sein,  die zur Verfügung gestellten Alternativen zu kaufen. Der Hersteller wird keine nachhaltige Verpackung anbieten, wenn sie niemand kauft.  Die Politiker haben die Verantwortung, einen rechtlichen Rahmen anzubieten, der nachhaltige Produkte unterstützt. Sie brauchen die Politik, die Industrie und den Verbraucher, um Chancen für alle zu gewährleisten. Eine koordinierte Aktion ist viel effektiver.

  • Bedeutet das unter anderem, dass ich der Hersteller ein Feedback geben muss, weshalb ich ein bestimmtes Produkt gekauft oder absichtlich vermieden habe?

O’Connor: Das ist ein Teil der Lösung. Aber allein kann man wenig ausrichten. Es braucht gebündelte Kampagnen und Aktion. Tun Sie sich zusammen!

  • Sie sind Teil des MIX-UP-Forschungsprojekts, um Methoden zu entwickeln, die Kunststoff in den Kreislauf zurückführen und durch Biomaterialien ersetzen, die ebenfalls im Kreislauf bleiben. Das ist ein neuartiger Ansatz, bisher ist es nicht möglich, herkömmliches Plastik in die Natur zurückzuführen. Wie funktioniert das?

O’Connor: Wir arbeiten mit Wissenschaftlern in ganz Europa und China an Methoden, um petrochemische Kunststoffe mit Enzymen abzubauen und dann zu biologisch abbaubarem Kunststoff zu verstoffwechseln. Dann ist es bereit für den natürlichen (biologisch abbaubaren) und den technischen (Recycling) Kreislauf. Kunststoff ist dann recycelbar, biologisch, biobasiert, biologisch abbaubar und kompostierbar. Entweder der Kunststoff geht in den technischen Kreislauf, wo es recycelt wird und mehrmals verwendet werden kann, oder er geht in den biologischen Kreislauf in einer entsprechenden Anlage. Dies geschieht, wenn die Qualität abnimmt und es nicht mehr recycelt werden kann. Dann kann es kompostiert und damit in die Natur zurückgeführt werden. Es ist immer ein geschlossener Kreislauf. Das können Sie bisher mit einem petrochemischen Kunststoff nicht erreichen.

Allein kann man wenig ausrichten. Es braucht gebündelte Kampagnen und Aktion. Tun Sie sich zusammen!

  • Wenn Biokunstoffe also die Zukunft sind, können sie dann auch in aktuelle Recycling-Optionen integriert werden können, oder würde mechanisches Recycling Geschichte werden?

O’Connor: Auch für Biokunststoffe ist das mechanische Recycling ein großer Teil der Zukunft. Aber natürlich wollen wir sicherstellen, dass wir Biokunststoffe nicht überproduzieren, nur um Fossilien durch Bio zu ersetzen. So stoppen wir nicht die große Menge an Abfall auf der Erde. Ich denke, wir müssen schlauer handeln und sagen: Dies ist eine Gelegenheit, die Gesamtmenge an Kunststoff, die wir verwenden, zu reduzieren. Ansonsten sollten wir 100 Prozent auf Biobasis umstellen.

  • Lieber Kevin, vielen Dank für das Interview!

 

 

*zu Bild 1 – Quelle: LINK